LERNLUST #4 // Neuromythen und Neurodidaktik

Shownotes
Host:
Susanne Dube, Teamlead Learning // LinkedIn
Gast:
Axel Lindhorst, Head of Learning Operations // LinkedIn
Studie zu Neuromythen zu Beginn des Lehramtsstudiums, Krammer et al.
Kognitionswissenschaft. Eine Perspektive auf Lernen und Lehren mit
Technologien
Neuromythos Alkohol
All in the Mind, BBC 2018
tts - we empower people auf LinkedIn
Transkript
[Claudia Schütze]
Lernlust, der Podcast für alles rund ums Thema Corporate Learning. Wir sind Claudia Schütze und Susanne Dube und wir sind Learning Consultants bei der tts und wir sind die Hosts dieses Podcastes. Und hier werden wir uns über Themen unseres Arbeitsbereiches miteinander austauschen, also alles, was Lernen in Organisationen heute und in der Zukunft betrifft.
[Susanne Dube]
Und wir werden uns von Zeit zu Zeit interne oder auch externe Experten in unsere Runde einladen. Und wir freuen uns, wenn ihr dabei seid. Hallo Axel.
[Axel Lindhorst]
Hallo Susanne.
[Susanne Dube]
Schön, dass du hier bist. Schön, dass du dich auf unsere Lernlust-Couch getraut hast und mit mir heute über das Thema Lernmythen und Neurodidaktik sprechen möchtest. Deswegen meine erste Frage an dich, ja vielleicht auch für unsere Zuhörer.
Wer bist du eigentlich und wie bist du im Himmelsbilden darauf gekommen, mit mir über Lernmythen sprechen zu wollen?
[Axel Lindhorst]
Ja, ich bin Axel Winters. Ich bin seit 17 Jahren bei tts in der Learning-Abteilung tätig, hauptsächlich im Bereich E-Learning. Ich mache Authoring, Konzeption, Projektleitung und Teamleitung.
Und über diese vielen Jahre ist man immer in Verbindung gekommen oder in Kontakt gekommen mit verschiedensten theoretischen Modellen, didaktischen Modellen vor allem, die uns befähigen sollen oder die uns dabei helfen sollen, unsere Lerninhalte gut zu vermitteln. Diese Modelle haben eine gewisse Gültigkeit über Jahrzehnte, über Jahrhunderte, wie auch immer. Was ich gerne machen möchte hier ist, auch mal zu fragen, was stimmt daran noch?
Was ist relevant für uns? Gibt es neuere Erkenntnisse, die klassische Erkenntnisse ablösen und Wissenschaft im Flow zu sehen, zu verfolgen?
[Susanne Dube]
Das klingt ja sehr, sehr spannend. Und wenn du gerade so viel die Wissenschaft bringst, du hast ja mir gegenüber auch diesen Begriff Neurodidaktik und Neurowissenschaften. Wir haben ja ein bisschen vorher gesprochen.
Das hast du alles mit angebracht und vielleicht zum Einordnen, welche Wissenschaft du da meinst oder worüber wir da sprechen. Kannst du vielleicht mal erklären, was ist eigentlich Neurodidaktik und wie ordnest du das ein?
[Axel Lindhorst]
Also so wie wir das verstehen, ist das eben eine zusätzliche Ebene zu der klassischen Didaktik. Es ist eine moderne Disziplin, Teil der Neurowissenschaften und die klassische Didaktik arbeitet ja hauptsächlich mit Lernprozessen und Lehr- und Lernprozessen, die auf der Basis von Verhalten beobachtet werden, behavioristisch, wenn man so will. Und diese modernere Ausprägung der Didaktik ist eben eine, die es seit den 80er Jahren oder so gibt, seit man mehr Verständnis dafür hat und auch mehr Mittel hat, Vorgänge im Gehirn zu analysieren und im zentralen Nervensystem.
Und hier geht es dann eben darum, wie weit manifestieren sich die Erkenntnisse der Didaktik in Gehirnfunktionen.
[Susanne Dube]
Okay, das heißt, wir gucken einfach für das, was wir uns über Jahre ausgedacht haben, ob das überhaupt noch stimmt, indem wir gucken, ob irgendwelche Lämpchen im Gehirn angehen und leuchten in Experimenten.
[Axel Lindhorst]
Wo kommt es her, dass das so ist, wie wir gut lernen können?
[Susanne Dube]
Okay, ich glaube, dass das ja ziemlich einladend ist, wenn wir jetzt anfangen, da Belege zu suchen, dass dann vielleicht aus irgendwelchen dieser Belegen tatsächlich dann Wahrheiten geschaffen werden, so aus Halbwissen heraus. Und vielleicht ist das dann der Grund, warum es auch Mythen gibt. Von daher, für mich fände ich es jetzt ganz spannend, wenn wir das mal angucken würden.
Ich habe so eine tolle Studie gefunden, ich sage es dir ganz ehrlich, aus dem Jahr 2019 von der Hochschule Graz. Georg Rammer und seine Kollegen, die haben da so eine tolle Studie gemacht für angehende Lehramtsstudenten. Hast du sie dir auch angeguckt, manchmal gesehen?
[Axel Lindhorst]
Habe ich auch gesehen bei meiner Recherche.
[Susanne Dube]
Super, dann weiß ich gar nicht, ob das jetzt funktioniert. Pass auf, ich habe mir überlegt, wenn du dich so gut mit Neurodidaktik auskennst, beziehungsweise weißt, was das ist und dich damit ja auch schon beschäftigt hast, dann kannst du bestimmt in dieser Studie mir gleich mal sagen, was davon war denn der Teil, in dem sie Neuromythen abgefragt haben und was war der Teil, in dem es wirklich Neurofakten waren. Also ich sage dir jetzt ein paar Aussagen zum Lernen und du sagst mir einfach immer, ist das ein Mythos oder ein Fakt?
Passt?
[Axel Lindhorst]
Ja gerne, vielleicht noch vorweg, Neuromythos, was das eigentlich ist, ist einfach eine fehlgeleitete Annahme, die sich weit verbreitet hat. Wir kennen so klassische Mythen, urbane Mythen und das sind jetzt eben Neuromythen, die sich auf die Hirnfunktionen und das angebliche Funktionieren unseres Gehirns spezialisieren.
[Susanne Dube]
Danke, dass du es erklärt hast. Ich greife immer so gerne vor. Super, also vielleicht haben wir dann mit diesem Beispiel auch eine gute Erklärung dazu und ich fange einfach mal an und ich sage dir nicht, ob es ein Mythos oder ein Fakt ist und zwar ist das erste, was ich dir sagen werde, das Auslassen des Frühstücks kann den akademischen Erfolg beeinflussen.
[Axel Lindhorst]
Ich glaube, das ist so, das könnte so gut so sein, ja.
[Susanne Dube]
Du hast gut geraten, es tatsächlich steht auf der Seite, wo die Fakten stehen. Ich fand das unglaublich, als ich es gelesen habe. Im Gegensatz dazu gibt es einen Mythos, den frage ich aber nicht, der heißt, sobald Schüler nicht genug Wasser zu sich nehmen, schrumpft das Gehirn.
Das ist übrigens falsch, wenn jemand daran glaubt. Kommen wir zum nächsten Punkt, die Gehirne von Jungen und Mädchen entwickeln sich gleich schnell.
[Axel Lindhorst]
Das würde ich annehmen, ja.
[Susanne Dube]
Das ist ein Mythos, tatsächlich. Das ist sehr verrückt und da können wir vielleicht irgendwann auch nochmal drüber sprechen, was sagt das eigentlich aus. Fakt ist aber tatsächlich, ich setze mal einen Fakt dagegen, wo ich immer gedacht habe, das ist ein Mythos, das Gehirn von Jungs ist größer als das von Mädchen.
Ich weiß noch nicht, was ich damit mache, aber ich glaube, bei mir sind einfach mehr Schlingel drin im Gehirn. Und last but not least, nehme ich, Unterschiede in der Gehirndominanz, linke oder rechte Gehirnhälfte können individuelle Unterschiede zwischen Lernenden erklären.
[Axel Lindhorst]
Tja, ich würde vermuten, das hat man immer sehr lange angenommen, aber das könnte zum Beispiel so eine Sache sein, wo die Neurowissenschaft jetzt sagt, das ist gar nicht so, aber ich bin nicht sicher.
[Susanne Dube]
Du bist dir nicht sicher, okay. Tatsächlich gibt es dazu einen total tollen Podcast von der BBC aus dem Jahr 2018, wo das ein Wissenschaftler gut erklärt hat, All the minds near a myth, fand ich sehr, sehr nett zu hören. Der hat das dort auch schön erklärt, deswegen habe ich es jetzt auch wirklich begriffen, die linke und rechte Gehirnhälfte arbeiten immer zusammen.
Und es ist gar nicht gesagt, dass alle Gehirne gleich funktionieren, aber ich will nicht abspeisen. Also du hast richtig gelegen, indem du es nicht beantwortet hast, sondern das war ein Mythos. Genau, du bist gar nicht so schlecht, was das angeht.
[Axel Lindhorst]
Mir fällt dazu ein, es gibt ja auch einen klassischen Neuromythos, auch in Bezug auf dieses Verhältnis von Jungs und Mädchen, wie die Gehirne funktionieren, und das ist das Multitasking. Da sagt man ja gerne so im allgemeinen informellen Sprachgebrauch, ja, ich bin eine Frau, deswegen kann ich ja Multitasking, und Männer können das nicht so gut.
[Susanne Dube]
Ich sag immer, ich bin Mutter und kann Multitasking.
[Axel Lindhorst]
Das ist natürlich auch ein klassischer Mythos, aber nicht nur, dass Frauen das besser können, sondern dass es überhaupt sowas wie Multitasking in der Form gibt. Denn unser Gehirn, eigentlich ist es so, kann zwei Aufgaben zurzeit gleichzeitig verfolgen. Wenn dann ein dritter dazu kommt, mit dem sich das Gehirn auseinandersetzt und es sich wirklich damit beschäftigt, dann wird es schon sehr schwierig.
Das heißt, wir können gar nicht mehrere Aufgaben gleichzeitig machen. Was wir aber tun, ist das sogenannte Nanotasking. Das heißt, wir machen sehr kurze Abstände zwischen den Aufgaben, denen wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden und die unser Gehirn verarbeitet.
[Susanne Dube]
Okay, ich habe tatsächlich, nachdem wir ja hier in der Vorbereitung waren und schon mal ein bisschen darüber gesprochen haben, mein eigenes Fernsehverhalten beobachtet, weil ich dich ja auch schon ganz kritisch gefragt habe, was sind denn zwei Aufgaben. Wenn ich vor dem Fernseher sitze, sehen meine Augen ein Bild und die Ohren hören ein Geräusch. Sind das dann zwei Aufgaben in deiner Auffassung?
[Axel Lindhorst]
Ja, das sind zwei Kanäle. Und da können wir gleich dann über einen weiteren Neuromythos sprechen, den wir uns hier auch ein bisschen widmen wollen. Und zwar geht es dabei um die klassischen Lerntypen, von denen in der Lerntheorie von Didaktika und Pädagogen viel gesprochen wird.
Der Annahme, dass wir einen auditiven Typ haben, einen visuellen Typ, einen kinästhetischen Typ, die verschiedenen Arten von Kanälen, die bei den Leuten unterschiedlich, bei den Lernern und Lernenden unterschiedlich bedient werden. Das ist ein Mythos. Das ist, glaube ich, der klassische.
[Susanne Dube]
Ich habe da nie dran geglaubt. Das war mir immer viel zu anstrengend, zu sagen, ich muss dafür alle möglichen Leute alles mögliche machen, sonst bin ich zu viel.
[Axel Lindhorst]
Ja, diese Theorie steht auch schon seit einigen Jahren unter Beschuss. Das ist, glaube ich, auch so ein klassisches 60er, 70er-Jahre-Ding. Und seit einigen Jahren wird das mehr und mehr in Zweifel gezogen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht verschiedene Kanäle gibt, über die wir Informationen verarbeiten. Ja, das tun wir. Und dafür gibt es ja auch im Bereich, aus dem ich komme, so ein multimediales Lernen.
Das heißt, wir arbeiten mit Vertonungen, wir verarbeiten Bilder, bewegliche oder nicht bewegliche Bilder. Und wir haben auch Texte, die wir lesen und führen das zusammen. Aber im Großen und Ganzen würde ich sagen, das Lernen, wenn ich mit einem multimedialen Medium arbeite, wenn ich damit lerne oder wenn ich fernsehe, ist dasselbe.
Da werden einfach mehrere Kanäle angesprochen. Das ist eine Aufgabe, die das Gehirn bewältigen muss und auch bewältigt.
[Susanne Dube]
Das heißt, ich muss sowieso mehrere Sachen zusammen machen. Aber wie ist es dann jetzt, wenn jemand die ganze Zeit darauf geachtet hat und wirklich in seinem Medium versucht hat, den Visuellen Lerner anzusprechen, den Audition-Lerner, den Kinästhetiker, die es ja nun alle nicht gibt. Ist das dann falsch?
[Axel Lindhorst]
Nein, letzten Endes ist es nicht falsch. Was passieren kann oder was auch passiert, wenn wir uns mit zu vielen Aufgaben beschäftigen im Kopf, ist der sogenannte Cognitive Overload. Dass also zu viele Prozesse im Gehirn gleichzeitig angestoßen werden, die das Gehirn einfach überfordern.
Was wir versuchen müssen, was wir versuchen wollen, ist, dass das Gehirn in einem gleichbleibenden Flow bleibt, also nicht überfordert wird und auch nicht unterfordert wird. Was wir dazu beitragen können, ist, verschiedene Kanäle zu bedienen. Wir gehen ja mittlerweile, das ist ja selbstverständlich, dass moderne Lernmethoden über eine frontale Vermittlungssituation hinausgehen.
Dass wir neurodidaktische und auch klassisch-didaktische Prinzipien beherzigen, wie soziale Komponenten, emotionale Komponenten, Motivation durch Sinnstiftung, Transfer, Übungen, Belohnungen. Das hat ja alles seine Richtigkeit und Gültigkeit. Und genauso hat es auch seine Richtigkeit und Gültigkeit, dass wir verschiedene Wahrnehmungsformen bedienen.
Also sehen, lesen, hören. Aber es muss zueinander passen und wir müssen darauf achten, dass wir nicht zu viel machen. Beim Cognitive Overload, dieses klassische Ding, ja, wir stellen etwas visuell dar.
Infografiken zum Beispiel. Aber worauf wir eigentlich verzichten müssen, ist das jetzt noch besonders auszuschmücken. Viel Dekoration drumherum zu machen, weil das sind Eindrücke, die das Gehirn verarbeiten muss.
Aber letzten Endes ist das zu viel und geht dann wieder auf Kosten des wirklichen Lernens, der Inhalte, die wir eigentlich vermitteln wollen.
[Susanne Dube]
Und da gehen wir doch dann relativ straight in die Richtung von Maya und Atkinson und ihren Regeln beispielsweise für gutes Lernen. Ich kenne es jetzt auch aus dem Bezug auf PowerPoint, dass man sagt, ich soll schon kombinieren, Bilder und Text oder Bilder und gesprochene Sprache. Aber A, so, dass es zusammenpasst, soll dann den visuellen Text reduzieren, sondern das lieber darauf konzentrieren, dass ich spreche mit dem dazu passenden Bild.
Also, dass ich schon verschiedene Kanäle anspreche, aber eben so anspreche, dass sie sich gegenseitig unterstützen und nicht kombinieren miteinander.
[Axel Lindhorst]
Dass sie sich gegenseitig unterstützen. Genau, dass das Gesamtbild stimmt und nicht überfordert, aber auch nicht unterfordert und in eine gewisse Taktung auch eingebunden ist. Eine einzige Formel gibt es für sowas ja in der Regel nicht.
Man muss da immer seinen Weg finden und wir gehen ja auch immer davon aus. Und das besagt ja auch die Lerntypen-Theorie, dass unsere Lernenden, dass sie Individuen sind und dass sie natürlich unterschiedlich lernen. Aber es ist eben nicht so schematisch wie, der ist auditiv, der ist visuell.
[Susanne Dube]
Sondern wir sind noch individueller. Wenn wir jetzt davon ausgehen, dass wir sagen, es gibt diesen auditiven Lerntypen und Ähnliches. Wir sprechen gerade an einem Podcast.
Wie siehst du denn Lernen mit Podcasts in dem Sinne? Da ist ja dann eigentlich auch nur ein Medium angesprochen. Jetzt müssten in der Vergangenheit alle Lerntypen-Verteidiger gesagt haben, das ist das genau Richtige für den auditiven Lerner.
Jetzt haben wir gerade gesagt, ist nicht. Gibt es gar nicht den auditiven Lerner. Was heißt das denn für Podcasts?
Jetzt lerne ich mich nur mal kurz zur Seite schleichen.
[Axel Lindhorst]
Die gute Frage. Wir können auch darüber reflektieren, in welchem Umfeld wir den Podcast hören. Setzen wir uns zu Hause in Ruhe hin, in einem isolierten Raum?
Der total still ist, wo wir keine sonstigen Eindrücke haben. Dann konzentrieren wir uns auf diesen Podcast. Dann haben wir prinzipiell gute Bedingungen, weil wir den Cognitive Overload ausschalten können.
Wenn wir den Podcast hören, während wir durch die Natur laufen, dann besteht wieder die Gefahr, dass wir Wahrnehmungen haben, die mit dem Podcast interferieren. Aber wir wissen nicht, was in diesem Fall das Richtige und Gute für uns ist. Es sei denn, wir analysieren uns ganz tief und wir könnten ja mal Hirnscans machen und gucken, inwieweit die Synapsen aktiviert werden durch einen Podcast, den wir im Dunkeln alleine zu Hause hören und einen Podcast, den wir draußen in der Natur mit zusätzlichen anderen Einflüssen hören.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass der eine lieber die andere oder der eine besser mit der einen Variante lernt als der andere besser mit der anderen. Das heißt, es gibt nicht den einen Weg. Das ist sicherlich ein Fazit.
[Susanne Dube]
Ich wollte schon gerade sagen, ich kann mir vorstellen, dass einige Podcast-Hörer sicherlich die Augen zusammengekniffen haben, als du gesagt hast, wenn ich das in einem kleinen Raum höre, dann ist das gut, aber draußen ist es nicht gut, denn ich war selbstmals in Veranstaltungen, wo es hieß, ich höre das beim Spazierengehen, beim Joggen, beim Umgraben. Ich selbst habe es tatsächlich schon mal beim Spräucherschneiden gehört. Aber das sind zugegebenermaßen alles Aktivitäten gewesen, wo ich nicht nachgedacht habe.
Beim Spräucherschneiden vielleicht schon ein bisschen, aber das waren die Momente, wo ich dann Nanotesting gemacht habe.
[Axel Lindhorst]
Ganz genau. Bei Nanotesting, je routinierter und automatisierter die Tätigkeiten sind, die du ausführst, desto mehr kannst du dann auch kombinieren.
[Susanne Dube]
Genau, dann passt das. Ich habe mir gerade nochmal ausgesucht, diese Neurodidaktik-12-Sachen. Es geht ja vielleicht auch darum, die positiven Emotionen zu finden.
Ich als Stubenhocker fühle mich ganz gut. Dann wurde mein Dunkeln kaputt, um da was zu hören. Jemand anders muss vielleicht raus in die Natur.
Es ist schon total spannend, wie man das alles so kombinieren kann miteinander und so kombiniert darüber sprechen kann. Das finde ich total super und bin total erstaunt, dass mein Gehirn das schafft.
[Axel Lindhorst]
Auf der anderen Seite gibt es aber auch, hattest du angesprochen, Kritik an der Disziplin der Neurodidaktik. Von welcher Ecke, aus welcher Ecke könnte die kommen? Ich meine, das klingt ja im Prinzip, was wir bisher aufgedröselt haben, ganz luzid.
Ich meine, man hat die klassische Didaktik, man hat Verhaltensformen, die mit Lern- und Lehrprozessen zusammenhängen und beobachtet werden. Und die führt man auf physiologische Vorgänge im Gehirn zurück.
[Susanne Dube]
Ja, ich finde das grundsätzlich auch ganz richtig und auch ganz gut, weil meine persönliche Kritik immer so ein bisschen an der Neurodidaktik ist oder an diesem Hype. Ich sage jetzt Hype, vielleicht ist es gar kein Hype, es ist ja auch schon alt genug. Also der BBC-Podcast, den ich vorhin erwähnt habe, ist von 2018, ist ja auch kein ganz neues Thema.
Aber ich glaube tatsächlich, dass es wichtig ist, zu schauen, welche Schlüsse sehe ich denn daraus, aus diesen Sachen. Also wenn ich jetzt sage zum Beispiel, positive Reize unterstützen das Lernen, dann ist für mich die Frage, was mache ich als positiven Reiz? Ich werde mit den Kindern nicht auf den Rummel gehen, damit ich positive Reize habe, damit die was lernen.
Und ich meine, gerade im Unternehmenskontext, in dem wir unterwegs sind, muss man genau schauen, was es ist. Und da glaube ich, bietet halt die Neurowissenschaft nicht die Antworten. Die Neurowissenschaft guckt ja, wann springt mein Gehirn an.
In kontrollierten Umgebungen, in kontrollierten Settings. Und die Frage, was wir halt daraus tun, dass wir alles ganz klar bestanden eben sagen, weil das im Gehirn so ist, dann muss jetzt explizit diese Folge daraus kommen. Das fände ich tatsächlich kritisch.
Ein Beispiel dazu, was ich habe, was ziemlich plakativ ist eigentlich, ist vielleicht, warum ich denke, man kann mit dem einen vielleicht das andere nicht bedingen, beziehungsweise kann ich sagen, alles was früher war, ist schlecht. Als ich jung war, wurde mir gesagt, trink nicht so viel Alkohol, das macht doof. Das wurde mir gesagt.
Dann habe ich überall gehört, ja, durch Alkohol sterben Gehirnzellen ab. Und letztens habe ich einen Artikel gelesen in unserer Vorbereitung, da stand ab, ist alles gar nicht wahr. Wenn du moderat Alkohol trinkst, sterben nicht die Gehirnzellen ab, sondern die Botenstoffe werden gehemmt.
Und deswegen bist du dann halt langsamer, bist duseliger, bist enthemmter, weil halt irgendwelche Botenstoffe nicht mehr funktionieren. Da steht aber auch in diesem Artikel dann drin, dass tatsächlich, wenn ich dann dauerhaft zu viel trinke und immer wieder Exzesse habe, dass dann in indirekter Folge ich einen Vitamin-B1-Mangel bekomme und dadurch dann die Gehirnzellen absterben. Also ganz ist es nicht richtig.
Und ich frage mich, es ist ja schön, dass ich das jetzt alles weiß. Aber an dem, was mir da vor Jahren gesagt worden ist, hat sich nichts geändert. Ich sollte nicht zu viel Alkohol trinken.
[Axel Lindhorst]
Die Konsequenz, die wir daraus ziehen, bleibt die gleiche. Erstmal denkt man, das ist eine gute Nachricht. Okay, keine Gehirnzellen sterben ab, super.
Nur eigentlich werden nur kurzfristig die Synapsen, die Verbindungen zwischen den Synapsen verschlechtert und danach geht es dann wieder. Aber die langfristige Folge und so wäre das nicht wünschenswert und genauso ist das letzten Endes auch bei unseren neurodidaktischen Prinzipien. Wir können zwar nachweisen und sagen, okay, es gibt nicht diese Lerntypen, es gibt nicht diese einzelnen Lerntypen, auf die wir eingehen müssen, die wir speziell ansprechen müssen.
Von diesem Konzept können wir uns verabschieden. Gute Nachricht, brauchen wir uns damit nicht mehr. Aber letzten Endes sind wir dann doch noch dabei, dass wir verschiedene Kanäle haben, die wir bedienen wollen und deswegen eine Methodenvielfalt benötigen.
[Susanne Dube]
Was ich auch sehr spannend finde in diesem Zusammenhang, ist etwas, was mir aufgefallen ist, als ich mir diese Studie von Herrn Kramer ein bisschen genauer angeguckt habe, gerade weil ich dich ja auch challengen wollte mit ein paar Mythen versus ein paar Fakten. Ich habe festgestellt, dass ich immer zu jedem Mythos, der ja falsch ist, irgendwie ein Faktum gefunden habe, was in eine ähnliche oder eben in eine andere Richtung gegangen ist, die sich genau damit beschäftigt hat. Ich habe es vorhin bei den Geren von Mädchen und Jungen zum Beispiel gesagt, die sind entweder gegenläufig oder da passiert irgendwas.
Jetzt könnte man überlegen, ist das vielleicht deswegen, weil die Neurowissenschaft sich genau mit diesen Neuromythen zuerst befasst, quasi, die es da gibt? Oder ist es vielleicht auch so, dass diese Neuromythen entstehen aus gefährlichem Halbwissen, was wir vielleicht, wir Learning Concepts, wir Wissensarbeiter halt haben, weil wir irgendwo mal eine Studie gehört haben, das aufgefasst haben, nicht ordentlich geprüft haben und alle, jetzt muss ich mein Namen mal für Marco Kling, quasi schwedischen Wissenschaftler, zitieren und sagen, ja, das ist jetzt die Wahrheit und es wird nicht hinterfragt.
Vielleicht hängt das beides so ein bisschen miteinander zusammen. Das ist ein Gedanke, den ich gerade hatte.
[Axel Lindhorst]
Ich bin auch echt gespannt, wenn ich jetzt mal weiter so Publikationen, Blogs und so weiter verfolge aus dem Bereich Corporate Learning generell, wann ich dann auf eine Studie stoße, die sagt, übrigens gibt es doch Lerntypen und alles, was wir die letzten 30 Jahre in der Neurodidaktik erarbeitet haben, haben wir jetzt mit dieser ganz neuen Studie der schwedischen Wissenschaftler, übrigens widerlegen können, nicht ausgeschlossen.
[Susanne Dube]
Nicht ausgeschlossen, wobei ich tatsächlich davon ausgehe, dass wir alle, und da hat mir die Beschäftigung mit dem Thema hier geholfen, wir alle so individuell unterwegs sind und es bei manchen Sachen tatsächlich auch nicht relevant ist. Übrigens, wer den BBC-Podcast auch hört, wird eben dann auch wissen, dass es vollkommen egal ist, ob die Gehirne von Jungs oder Mädchen größer sind oder nicht größer sind, weil diese Unterschiede, die sich daraus bedingen, sind so marginal, dass wir natürlich trotzdem gleichberechtigt bleiben können.
[Axel Lindhorst]
Gut, dass du das nochmal sagst. Das ist ja die interessante Seite dieser Studie natürlich auch. Es gibt Unterschiede, aber die spielen gar keine Rolle.
[Susanne Dube]
Genau, und das ist das, wo wir die Neurowissenschaften ein bisschen kritisch betrachten müssen und sagen, es ist schön, dass wir es wissen, aber was ziehen wir daraus fürs Lernen? Und was ich jetzt aus dem Gespräch für mich rausgezogen habe, ist, dass wir sagen, Vielfalt ist gut, wir funktionieren jeder ein bisschen anders. Wir sollten, glaube ich, alle, wenn wir Glaubenssätze haben im Bereich Learning und Training, ein wenig darauf schauen, ob das vielleicht Mythen sind oder per Fakten gelegt.
Wenn es Mythen sind und es gibt kein Faktum, was es widerlegt, dann können wir gerne weiter dran glauben. Solange es hilft, schadet es nichts, wenn wir anfangen, aus falschen Gründen Leute dazu zu bringen, etwas zu machen oder etwas zu glauben, dass sie es nicht können. Ich glaube, dann wird es kritisch.
[Axel Lindhorst]
Ja, gut. Gutes Fazit eigentlich.
[Susanne Dube]
War ein schönes Schlusswort, ne?
[Axel Lindhorst]
Ja, gefällt mir ganz gut.
[Susanne Dube]
Genau, würde ich sagen. Okay, Asif, vielen, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Und vielleicht sollten wir in die eine oder andere Richtung aus diesem Gespräch noch mal weiterdenken.
[Axel Lindhorst]
Wir machen eine Fortsetzung und kümmern uns um den nächsten Bereich der wissenschaftlichen Entwicklung. Vielleicht Motivationstheorie, da könnte man mal drüber nachdenken. Über Taxonomie kann man nachdenken.
Ganz viel Taxonomie.
[Susanne Dube]
Genau, dann würde ich fast sagen, liebe Zuhörer, seid nicht faul. Bitte auf LinkedIn, auf Twitter erreicht ihr Susanne Dube oder Claudia Schütze und vielleicht sogar auch den Axel Windhorst. Schaut mal, schreibt uns an und sagt uns mal, welche Themen euch interessieren im Lärmlust-Podcast.
[Axel Lindhorst]
Vergessen, Skurve fällt mir gerade auch noch ein. Auch so ein echter Klassiker, mit dem wir viel arbeiten. Gibt noch einiges, natürlich.
[Susanne Dube]
Genau. Okay, dann sage ich vielen, vielen Dank, lieber Axel. Und ich freue mich aufs nächste Mal.
Tschüss.
[Axel Lindhorst]
Bis zum nächsten Mal. Tschüss.