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Ein Software-Rollout braucht mehr als Dokumentation

In Transformationsprojekten entsteht in der Regel kein Wissensmangel. Es werden Präsentationen, Prozessbeschreibungen, Trainingsunterlagen und FAQs erstellt. Im Arbeitsalltag fehlt jedoch oft ein zentraler Zugang, der diese Inhalte verbindlich und kontextnah verfügbar macht. Warum das so ist und welche strukturellen Prinzipien sich bewährt haben, beleuchtet dieser Beitrag.
24. Februar 2026
7 min
Britt Bürgy, Product Management bei tts - knowledge matters
Britt Bürgy

Ein Rollout wirkt im Projektplan klar strukturiert: Workshops, Tests, Schulungen, Go-Live. Jeder Schritt hat seinen Platz. Der kritische Moment liegt woanders.

Er beginnt, wenn Mitarbeiter:innen zum ersten Mal allein in einer neuen oder veränderten Software arbeiten. Eine Transaktion sieht anders aus. Ein Prozess folgt einer neuen Logik. Ein Feld verhält sich nicht wie erwartet.

Sie wissen, dass es dazu Unterlagen gibt. Eine Prozessbeschreibung. Eine Präsentation aus dem Training. Vielleicht ein Dokument im Projektordner. Doch in diesem Moment geht es nicht um Dokumente. Es geht um Orientierung. Um eine schnelle, verlässliche Antwort im laufenden Arbeitsprozess.

Viele Transformationsprojekte scheitern nicht an fehlendem Wissen. Sie scheitern daran, dass Wissen im entscheidenden Moment nicht greifbar ist.

Das Problem: Wissen verteilt sich schneller, als es gepflegt wird

Große Transformationsprojekte verlaufen selten linear. Entwicklung, Tests, Schulung, Change-Maßnahmen und Kommunikation laufen parallel. Während ein Team noch konfiguriert, bereitet ein anderes bereits Trainings vor.

Dokumentation entsteht dabei zwangsläufig zeitversetzt. Erst wenn ein Prozess fachlich abgestimmt und technisch umgesetzt ist, lässt er sich verbindlich beschreiben. Der Bedarf nach Orientierung entsteht jedoch deutlich früher.

Hinzu kommt: Jeder Bereich passt Prozesse in seinem Verantwortungsraum an. Gleichzeitig greifen die Abläufe ineinander. Ohne gemeinsamen Zugang entsteht kein durchgängiges Bild.

Und Prozesse bleiben während eines Rollouts nicht stabil. Felder ändern sich, Pflichtangaben kommen dazu, Rollen werden neu zugeschnitten, Berechtigungen angepasst. Wenn Teams diese Änderungen in klassischen Dateiablagen dokumentieren, entstehen schnell mehrere Versionen derselben Anleitung.

Das Problem ist daher selten fehlende Dokumentation. Es ist die fehlende Verbindung zwischen Prozessänderung, Systemumgebung und gültiger Wissensquelle.

Die Ursache: 3 strukturelle Gründe

Wenn Wissen in Rollouts nicht greifbar bleibt, liegt das selten an mangelndem Engagement. In vielen Projekten arbeiten Teams unter hohem Druck und liefern in kurzer Zeit enorme Mengen an Content.

Das Problem entsteht, weil drei strukturelle Faktoren zusammenkommen.

Ursache 1: Dokumentation steht zu weit weg vom Arbeitskontext

Viele Teams erstellen Trainingsunterlagen in Word, PowerPoint oder als Screenshot-Dokumente. Das wirkt zunächst pragmatisch. Doch je komplexer die Prozesse werden, desto stärker wächst der Aufwand.

Gleichzeitig steigt das Risiko, dass einzelne Schritte fehlen oder nicht mehr zum Systemstand passen. Genau deshalb suchen viele Organisationen nach Wegen, Dokumentation näher an der tatsächlichen Systemnutzung zu erstellen und zu pflegen.

Ursache 2: Wissen hängt an Projektrollen, nicht an stabilen Verantwortlichkeiten

Im Projekt entstehen neue Rollen: Key User, Prozess-Expert:innen, Tester:innen, Trainer:innen. Diese Menschen tragen Wissen, das sonst niemand hat.

Doch Projekte enden. Rollen wechseln. Key User gehen zurück in ihre Linienaufgaben. In der Praxis bleibt dann oft unklar, wer Inhalte nach dem Go-Live aktualisiert.

Ein Change Manager aus einem großen ERP-Programm beschreibt genau diese Herausforderung: Es ist schwer, Key User langfristig als Autor:innen zu halten. Es funktioniert nur, wenn der Scope pro Person klar bleibt und Verantwortlichkeiten nachvollziehbar zugeordnet sind.

Ursache 3: Versionierung wird zur Nebenaufgabe – und eskaliert trotzdem

Wenn Prozesse sich ändern, muss auch die Dokumentation nachziehen. Das passiert nicht einmal, sondern fortlaufend.

Viele Teams versuchen, dieses Problem mit klassischen Dateiablagen zu lösen. In der Praxis führt das schnell zu parallelen Versionen. Ein Dokument wird kopiert, angepasst, weitergeleitet. Kurz darauf existieren mehrere Varianten.

In dem Moment verliert das Unternehmen nicht nur Übersicht. Es verliert Vertrauen: Nutzer:innen wissen nicht mehr, welche Anleitung gilt. Und sie hören auf, aktiv nach Hilfe zu suchen.

Die Auswirkungen: Unsicherheit im Arbeitsfluss

Wenn Wissen im Rollout nicht greifbar bleibt, entsteht kein einzelnes großes Problem. Es entstehen viele kleine Reibungsverluste. Und genau diese Reibung summiert sich.

Mitarbeiter:innen verlieren Zeit, weil sie Informationen suchen, die es bereits gibt. Sie öffnen Ordnerstrukturen, fragen Kolleg:innen, durchsuchen Chats oder probieren Schritte aus. Oft passiert das mehrfach – bei denselben Fragen.

Gleichzeitig wächst die Unsicherheit. Wer nicht sicher ist, ob eine Anleitung noch stimmt, verlässt sich wieder auf Gewohnheiten. Das gilt besonders in Prozessen, die sich über mehrere Systeme ziehen. Ein falscher Schritt wirkt sich dann nicht nur lokal aus, sondern kann Folgefehler erzeugen.

Auch Support-Teams spüren diese Effekte. Viele Tickets entstehen nicht, weil Systeme „kaputt“ sind. Sie entstehen, weil Nutzer:innen keine schnelle, verlässliche Orientierung finden. Technischer Support wird dann zum Ersatz für fehlenden Wissenszugang.

Hinzu kommt: In vielen Organisationen steigt parallel die Erwartung an KI. Chatbots und interne GPT-Systeme sollen Fragen beantworten und Wissen schneller zugänglich machen. Doch ohne klare Governance und verlässliche Quellen bleibt das riskant. KI kann Informationen nur so gut nutzen, wie sie gepflegt und eindeutig bereitgestellt werden.

Am Ende entsteht ein paradoxes Bild: Es gibt mehr Inhalte als je zuvor. Trotzdem sinkt die tatsächliche Nutzbarkeit im Alltag.

Der Wendepunkt: Was in der Praxis funktioniert

Unternehmen, die Wissenstransfer in Transformationsprojekten stabilisieren, verfolgen keinen radikal neuen Ansatz. Sie verändern den Grundannahmen.

1. Ein klarer Einstiegspunkt statt vieler Quellen

Statt Dokumentation über Projektordner, Teams-Kanäle und Laufwerke zu verteilen, definieren sie einen festen Zugangspunkt. Unabhängig davon, ob jemand in einem ERP-System, in einer Office-Anwendung oder in einem HR-Tool arbeitet: Der Weg zur Hilfe bleibt gleich.

Ein solcher „Gate“-Ansatz reduziert Suchaufwand. Mitarbeitende müssen nicht überlegen, wo Inhalte liegen. Sie wissen, wo sie beginnen.

2. Kontext vor Navigation

Navigation setzt voraus, dass Nutzer:innen wissen, wonach sie suchen. Im Arbeitsalltag ist das selten der Fall.

Organisationen, die hier Fortschritte machen, koppeln Unterstützung direkt an den Anwendungskontext. Wer eine bestimmte Transaktion öffnet, sieht passende Inhalte. Wer einen Prozessschritt ausführt, erhält gezielte Hinweise.

Der Unterschied ist entscheidend: Nicht der Ordner strukturiert das Wissen, sondern die tatsächliche Nutzungssituation.

3. Support ist mehrstufig

Kein Format deckt alle Bedarfe ab. Deshalb setzen erfolgreiche Modelle auf mehrere Ebenen:

  1. kontextbezogene Hinweise und Schritt-für-Schritt-Anleitungen
  2. eine Suchfunktion für gezielte Fragen
  3. ergänzend KI-basierte Unterstützung, die auf geprüfte Inhalte verweist
  4. bei Bedarf eine direkte Weiterleitung in den technischen Support 

Entscheidend ist nicht die einzelne Technologie. Entscheidend ist die logische Abfolge: erst Orientierung, dann Vertiefung, dann Eskalation.

4. Governance als Betriebsmodell

Wissenstransfer endet nicht mit dem Go-Live. Sie braucht klare Zuständigkeiten. Erfolgreiche Organisationen benennen daher Verantwortliche für Inhalte und Pflege. Sie halten den Scope pro Autor:in überschaubar und verbinden fachliche Prozessverantwortung mit Dokumentationsverantwortung.

So entsteht kein einmaliges Projektartefakt, sondern ein gepflegtes, dauerhaft nutzbares System.

Starten, bevor alles perfekt ist

Ein häufiger Fehler in Transformationsprojekten ist der Anspruch auf Vollständigkeit. Erst wenn alle Prozesse dokumentiert, alle Rollen geklärt und alle Inhalte geprüft sind, soll der zentrale Wissenszugang live gehen.

In der Praxis verzögert das den eigentlichen Nutzen.

Erfolgreiche Organisationen gehen anders vor. Sie starten mit einem klar abgegrenzten Kern: einem System, einigen priorisierten Prozessen und einer überschaubaren Autorengruppe. Sie akzeptieren, dass Inhalte wachsen und sich verändern. Wichtig ist nicht die vollständige Abdeckung am ersten Tag, sondern ein verlässlicher Einstiegspunkt.

Ein erfahrener Change-Verantwortlicher aus einem großen ERP-Rollout formulierte es nüchtern: Irgendwann muss man beginnen. Wartet man auf die perfekte Ausgangslage, startet man nie.

Mit einem stabilen Zugang, klaren Zuständigkeiten und einem nachvollziehbaren Pflegeprozess entsteht Schritt für Schritt ein belastbares Wissenssystem. Es entwickelt sich parallel zum Rollout – nicht erst danach.

Fazit: Vom Projektwissen zur Arbeitsrealität

Transformationsprojekte scheitern selten an fehlendem Wissen. Sie scheitern daran, dass Wissen im Arbeitsfluss nicht verfügbar ist.

Wer dieses Problem lösen will, muss nicht mehr Dokumente produzieren. Entscheidend sind ein klarer Einstiegspunkt, kontextbezogene Unterstützung und ein Pflegeprozess, der mit den Veränderungen im System Schritt hält.

So entsteht aus Projektwissen ein verlässlicher Bestandteil der täglichen Arbeit. Und erst dann können auch KI-Systeme ihr Potenzial entfalten – weil sie auf geprüfte Inhalte und klare Strukturen zugreifen.

FAQ: Häufige Fragen

Ist ein zentraler Wissenszugang nicht einfach ein Dokumentenmanagement-System?

Nein. Ein Dokumentenmanagement-System organisiert Dateien. Ein zentraler Wissenszugang stellt sicher, dass Inhalte im Arbeitskontext verfügbar sind – unabhängig davon, wo sie gespeichert sind.

Reicht eine gute Suchfunktion nicht aus?

Suche setzt voraus, dass Nutzer:innen wissen, wonach sie suchen. Im Arbeitsalltag fehlt oft diese Klarheit. Kontextbezogene Unterstützung reduziert diesen Aufwand.

Kann KI dieses Problem nicht automatisch lösen?

KI kann Inhalte schneller zugänglich machen. Sie ersetzt jedoch keine Governance und keine verlässlichen Quellen.

Muss dafür sofort das gesamte Unternehmen umgestellt werden?

Nein. Viele Organisationen starten mit einem klar abgegrenzten Bereich und bauen den zentralen Zugang schrittweise aus.

Britt Bürgy, Product Management bei tts - knowledge matters

Britt Bürgy

Britt Bürgy ist Expertin für Digital Adoption und seit über 20 Jahren im Bereich Performance Support und User Enablement tätig.

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