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Orientierungs-Framework: Digital Adoption Platform für S/4HANA

SAP S/4HANA verändert nicht nur Systeme, sondern auch Arbeitsweisen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungslogiken. Damit steigen die Anforderungen an Enablement und an die Rolle von Digital Adoption Platforms im Projekt- und Betriebskontext.

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26. Januar 2026
6 min
Britt Bürgy, Product Management bei tts - knowledge matters
Britt Bürgy

Was dieses Orientierungs-Framework leistet – und was bewusst nicht

Dieses Orientierungs-Framework unterstützt SAP-Verantwortliche dabei, Digital Adoption Platforms für das Enablement im Kontext von SAP-S/4HANA-Projekten sachlich einzuordnen. Es richtet den Blick auf Risiken, Wirkzusammenhänge und strukturelle Anforderungen, die über reine Tool- oder Funktionsfragen hinausgehen.

Was das Orientierungs-Framework leistet:

  • Es strukturiert zentrale Fragestellungen rund um Adoption, Stabilität und Betriebssicherheit in S/4HANA-Projekten.
  • Es trennt klar zwischen Problem, Ursache und Auswirkung und schafft damit eine belastbare inhaltliche Grundlage.
  • Es hilft, Anforderungen an eine Digital Adoption Platform aus Projekt- und Betriebsperspektive abzuleiten.
  • Es unterstützt die fachliche Diskussion zwischen IT, Fachbereichen und Management.

Was das Orientierungs-Framework bewusst nicht leistet:

  • Es vergleicht keine Anbieter oder Plattformen.
  • Es bewertet keine Funktionen, Features oder Preismodelle.
  • Es ersetzt keinen strukturierten Auswahl- oder Ausschreibungsprozess.
  • Es liefert keine Kriterienkataloge oder Checklisten für ein RFP.

Das Orientierungs-Framework versteht sich als vorgelagerte Einordnung. Es schafft Klarheit darüber, worauf es in SAP-S/4HANA-Projekten ankommt, bevor operative Auswahl- oder Beschaffungsprozesse beginnen.

Wie das Orientierungs-Framework zu lesen und zu nutzen ist

Das Orientierungs-Framework besteht aus sechs zentralen Spannungsfeldern, die in SAP-S/4HANA-Programmen regelmäßig auftreten. Jedes dieser Spannungsfelder wird im Framework als eigene Dimension beschrieben.

Jede Dimension beleuchtet dabei:

  • ein typisches Spannungsfeld aus Projekt- oder Betriebssicht,
  • das zugrunde liegende Problem,
  • die dahinterliegende Ursache,
  • sowie die daraus entstehenden Auswirkungen auf Stabilität, Effizienz und Zusammenarbeit.

Die sechs Spannungsfelder sind nicht als Checkliste zu verstehen. Sie bilden keine lineare Abfolge und sind nicht gleichgewichtig. Abhängig von Projektphase, Organisationsstruktur und Reifegrad können einzelne Spannungsfelder stärker oder schwächer ausgeprägt sein.

Das Ziel des Orientierungs-Frameworks ist es daher nicht, alle sechs Dimensionen vollständig zu erfüllen. Es hilft vielmehr dabei, zu erkennen, wo kritische Spannungen entstehen, wenn Enablement isoliert betrachtet wird oder nicht zur Realität von SAP-S/4HANA-Projekten passt.

Die folgenden Kapitel beschreiben diese sechs Spannungsfelder im Detail und bieten damit eine strukturierte Grundlage, um Anforderungen an eine Digital Adoption Platform realistisch einzuordnen.

1. Ausgangspunkt klären: Welche Verantwortung soll Enablement übernehmen?

Typisches Spannungsfeld

Nach dem Go-Live müssen Anwender:innen mit neuen Prozessen, Rollen und Systemlogiken arbeiten, während sich Wissen noch verteilt und nicht durchgängig verfügbar ist.

Typisches Problem

Unsicherheiten werden zunächst von Anwender:innen selbst kompensiert. Sie wenden sich an Key User oder Fachbereiche, die schrittweise zu dauerhaften Anlaufstellen werden. In der Folge entstehen informelle Wissenspfade, individuelle Vorgehensweisen und eine zunehmende Überlastung der Key User.

Ursache

Enablement wird auf Bedienunterstützung reduziert. Die Digital Adoption Platform erklärt einzelne Systemschritte, vermittelt jedoch kein ausreichendes Verständnis dafür, wie diese Schritte in übergeordnete End-to-End-Prozesse eingebettet sind und welche Auswirkungen Entscheidungen an einer Stelle auf nachgelagerte Prozessschritte haben.

Implikation

Adoption bleibt reaktiv. Prozesssicherheit entsteht nicht aus dem System heraus, sondern durch zusätzliche menschliche Kompensation. Projekt- und Betriebsteams binden dauerhaft Kapazitäten.


Einordnung im Orientierungs-Framework:

Dieses Spannungsfeld zeigt, dass Enablement in SAP S/4HANA-Projekten nicht auf die Vermittlung von Bedienwissen reduziert werden sollte. Eine Digital Adoption Platform entfaltet ihre Wirkung erst dann, wenn sie Anwender:innen bei der korrekten Ausführung von Prozessen unterstützt und Key User gezielt entlastet.


2. Projektlogik berücksichtigen: Passt die Digital Adoption Platform zur Realität von S/4HANA-Projekten?

Typisches Spannungsfeld

SAP S/4HANA-Projekte verlaufen in Phasen, Iterationen und Rollout-Wellen. Prozesse, Rollen und Systemstände verändern sich über Monate oder Jahre hinweg, während Inhalte für Anwender:innen und Key User kontinuierlich aktuell bleiben müssen.

Typisches Problem

Endanwender:innen arbeiten mit Informationen, die nicht mehr dem aktuellen System- oder Prozessstand entsprechen. Parallel geraten Key User in eine dauerhafte Überarbeitungs- und Aktualisierungsschleife, um Inhalte nachzuziehen, anzupassen oder zu korrigieren.

Ursache

Die Digital Adoption Platform ist nicht auf die Projektlogik von S/4HANA ausgelegt. Inhalte werden punktuell erstellt und gepflegt, statt entlang des Projektverlaufs strukturiert weiterentwickelt zu werden.

Implikation

Wissen verliert schnell an Verlässlichkeit. Key User binden dauerhaft Kapazitäten für Pflege statt für fachliche Arbeit. Enablement skaliert nicht mit dem Projektfortschritt.


Einordnung im Orientierungs-Framework

Dieses Spannungsfeld zeigt, dass eine Digital Adoption Platform den Lebenszyklus eines S/4HANA-Projekts begleiten muss. Nur wenn Inhalte mit Prozessen, Systemständen und Rollouts mitwachsen, bleibt Enablement wirksam und entlastend.


3. Governance sicherstellen: Wer steuert Inhalte, Qualität und Verantwortung?

Typisches Spannungsfeld

Viele Personen tragen Wissen zu einem SAP S/4HANA-Projekt bei. Fachbereiche, Projektteams und Key User dokumentieren parallel, häufig mit unterschiedlichen Zielsetzungen und Detailgraden.

Typisches Problem

Inhalte unterscheiden sich in Struktur, Tiefe und Aktualität. Anwender:innen erhalten je nach Quelle unterschiedliche Informationen. Key User werden zu informellen Wissensdrehscheiben und müssen Inhalte erklären, abstimmen oder korrigieren.

Ursache

Für Enablement fehlt eine klare Governance. Die Digital Adoption Platform stellt zwar Werkzeuge bereit, definiert jedoch keine verbindlichen Rollen, Zuständigkeiten oder Qualitätsmaßstäbe.

Implikation

Wissen wird inkonsistent und schwer skalierbar. Vertrauen in Inhalte sinkt. Key User investieren Zeit in Koordination statt in wertschöpfende Aufgaben.


Einordnung im Orientierungs-Framework

Dieses Spannungsfeld macht deutlich, dass Enablement klare Steuerung benötigt. Eine Digital Adoption Platform entfaltet ihre Wirkung nur dann, wenn Verantwortung, Qualität und Aktualität verbindlich geregelt sind.


4. Arbeitssituationen abbilden: Unterstützt die DAP Entscheidungen im Alltag?

Typisches Spannungsfeld

Der Arbeitsalltag nach dem Go-Live ist geprägt von Ausnahmen, Sonderfällen und situativen Entscheidungen. Prozesse verlaufen selten exakt entlang der idealtypischen Beschreibung.

Typisches Problem

Anleitungen helfen bei Standardfällen, nicht jedoch bei Abweichungen. Anwender:innen sind unsicher, wie sie in konkreten Situationen handeln sollen. Key User werden regelmäßig hinzugezogen, um Entscheidungen einzuordnen.

Ursache

Enablement fokussiert auf Systemschritte oder einzelne Transaktionen. Der Zusammenhang zwischen Prozessen, Rollen und Systemlogik bleibt unklar.

Implikation

Prozesse werden zwar ausgeführt, aber nicht sicher verstanden. Fehler wiederholen sich. Key User kompensieren fehlende Orientierung durch individuelle Unterstützung.


Einordnung im Orientierungs-Framework

Dieses Spannungsfeld zeigt, dass eine Digital Adoption Platform Arbeitssituationen ganzheitlich abbilden sollte. Sie muss Prozesse, Rollen und Systemschritte miteinander verbinden, um Orientierung im Arbeitskontext zu geben.


5. Betriebsperspektive einnehmen: Welche Wirkung entfaltet Enablement nach dem Go-Live?

Typisches Spannungsfeld

Nach dem Go-Live verschiebt sich der Fokus vom Projekt zur täglichen Nutzung. Gleichzeitig bleibt Enablement oft auf dem Stand des Projektabschlusses.

Typisches Problem

Neue Mitarbeitende, Rollenwechsel oder Prozessanpassungen führen zu wiederkehrenden Unsicherheiten. Key User übernehmen dauerhaft Einarbeitung und Unterstützung.

Ursache

Enablement wird als projektbezogene Maßnahme verstanden. Inhalte werden nicht systematisch weiterentwickelt oder in den laufenden Betrieb integriert.

Implikation

Key User bleiben langfristig gebunden. Wissensaufbau skaliert nicht. Effizienzgewinne aus S/4HANA stellen sich nur eingeschränkt ein.


Einordnung im Orientierungs-Framework

Dieses Spannungsfeld zeigt, dass Enablement Teil des Betriebsmodells sein muss. Nur so kann eine Digital Adoption Platform nachhaltig entlasten und Wirkung entfalten:

  • reduziert Ticketvolumen (um 30 – 60 %)
  • verkürzt Einarbeitungszeiten (um 25 bis 40 %)
  • stabilisiert Prozesse im Arbeitsalltag (20 – 35 % geringere Fehlerquote)

6. Strategische Einordnung: Wie fügt sich Enablement in die IT-Landschaft ein?

Typisches Spannungsfeld

SAP S/4HANA ist Kern einer sich weiterentwickelnden IT-Landschaft. Neue Releases, Erweiterungen und zusätzliche Systeme verändern Prozesse kontinuierlich.

Typisches Problem

Die Digital Adoption Platform bleibt isoliert. Sie wird primär im Projekt genutzt und verliert danach an Relevanz. Nutzung und Akzeptanz nehmen ab.

Ursache

Enablement wird nicht als strategischer Bestandteil der Digital- und IT-Strategie verstanden. Die Plattform ist organisatorisch und prozessual nicht verankert.

Implikation

Wissen fragmentiert erneut. Neue Veränderungen erzeugen dieselben Unsicherheiten wie beim initialen Go-Live. Key User werden wieder stark belastet.

Einordnung im Orientierungs-Framework

Dieses Spannungsfeld macht deutlich, dass Enablement langfristig gedacht werden muss. Eine Digital Adoption Platform sollte sich nahtlos in IT-Strategie, Change-Ansätze und Governance-Modelle einfügen.

Schlussgedanke

Die sechs Spannungsfelder dieses Orientierungs-Frameworks zeigen, dass Digital Adoption Platforms in SAP S/4HANA-Projekten mehr sind als eine Frage von Schulung oder Toolunterstützung.

Entscheidend ist, wie klar Organisationen die Rolle von Digital Adoption Platforms einordnen: als punktuelle Hilfe oder als strukturellen Beitrag zu Prozesssicherheit, Entlastung der Key User und stabiler Nutzung im Arbeitsalltag.

Wer SAP S/4HANA als langfristige Plattform versteht, sollte diese Spannungsfelder bewusst adressieren, bevor operative Auswahl- oder Implementierungsentscheidungen getroffen werden.

Britt Bürgy, Product Management bei tts - knowledge matters

Britt Bürgy

Britt Bürgy ist Expertin für Digital Adoption und seit über 20 Jahren im Bereich Performance Support und User Enablement tätig.

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