Key User Enablement in S/4HANA-Projekten: Relationales Lernen als Hebel
Diese Arbeit findet häufig unter hohem Zeitdruck statt und ist von Unsicherheit und gelegentlicher Frustration geprägt. Auch emotionale Spannungen entstehen, wenn Entscheidungen schnell getroffen oder unterschiedliche Erwartungen zusammengebracht werden müssen. Gleichzeitig sind Key User stark in kollaborative Abläufe eingebunden. Abstimmungen, Übergaben und immer neue Klärungsschritte gehören ganz selbstverständlich zum Alltag. Lernen geschieht dabei nicht losgelöst vom Tagesgeschäft, sondern während sie Entscheidungen vorbereiten, in Interaktionen hineinwirken und ihre Arbeitsweise laufend anpassen.
Diese gleichzeitigen Anforderungen verdichten sich im Projektalltag zu dem, was viele als „Key-User-Kopfweh“ beschreiben: ein dauerhaftes Spannungsfeld aus hoher Verantwortung, begrenzten Entscheidungsspielräumen, permanentem Abstimmungsbedarf und dem Anspruch, unter wechselnden Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.
Relationales Lernen als Schlüsselperspektive
Die Lernforschung zeigt seit Langem, warum klassische Lernlogiken in solchen Kontexten an Grenzen stoßen. Lernen ist kein linearer Wissenstransfer, sondern ein aktiver, situativer und sozial eingebetteter Prozess. Dieses Verständnis lässt sich unter dem Begriff Relationales Lernen zusammenfassen.
Relationales Lernen bedeutet: Lernen entsteht in der Beziehung zu sich selbst, zu anderen Akteuren und zur konkreten Arbeitssituation. Für Key User heißt das konkret: Lernen ist kein vorgelagerter Schritt vor der Arbeit, sondern ein kontinuierlicher Bestandteil der Arbeit selbst – insbesondere in komplexen Transformationsprojekten wie SAP S/4HANA. Relationales Lernen bildet den theoretischen Rahmen – und liefert damit die Grundlage für praxisnahe Enablement‑Ansätze.
Ob Lernen gelingt, hängt daher weniger von einzelnen Trainingsmaßnahmen ab als davon, wie Rollen wahrgenommen werden, wie Interaktionen gestaltet sind und welche strukturellen Rahmenbedingungen das Handeln prägen.
Arbeitsrealität braucht relationales Key User Enablement
Klassische Formate wie Train-the-Trainer-Programme und Change-Angebote sind ein fester Bestandteil von SAP-Projekten. Sie stärken die Fähigkeit, Wissen strukturiert weiterzugeben, Schulungen wirksam durchzuführen und Organisationen auf Veränderung vorzubereiten.
Darüber hinaus braucht es aber auch Angebote, die Key User genau in den Situationen unterstützen, in denen Lernen nicht planbar ist. Im Projektalltag stehen sie regelmäßig vor Herausforderungen, die sich nicht vorab trainieren lassen: widersprüchliche Erwartungen, unklare Zuständigkeiten, emotionale Spannungen oder Entscheidungen unter Zeitdruck. In diesen Momenten entscheidet sich, ob Lernen möglich bleibt oder ins Stocken gerät.
Ein Ansatz, der sich in der Praxis zunehmend bewährt, ist das relationale Key User Enablement. Es baut auf den Prinzipien des relationalen Lernens auf und überführt dessen theoretische Grundlagen in konkrete, alltagsnahe Unterstützungsformate. Es setzt genau dort an, wo die Herausforderungen entstehen: im laufenden Arbeitsalltag. Dafür hat es sich als besonders wirkungsvoll erwiesen, Key User regelmäßig zusammenzubringen, um konkrete Situationen gemeinsam zu reflektieren, Erfahrungen auszutauschen und Orientierung für bevorstehende Entscheidungen zu gewinnen. Diese Treffen sind bewusst kompakt gehalten und folgen einer klaren Struktur, die Lernen im Moment ermöglicht, ohne zusätzlichen Aufwand zu verursachen.
Typisch für relationales Key User Enablement ist ein Dreischritt aus
- kurzem Impuls,
- praktischer Erprobung und
- gemeinsamer Reflexion.
Ein thematischer Input eröffnet eine neue Perspektive auf eine relevante Alltagssituation. Anschließend wird diese Perspektive anhand echter Beispiele der Teilnehmenden erkundet. Zum Abschluss verdichtet die Gruppe ihre Erfahrungen, benennt Muster und leitet konkrete nächste Schritte ab. Zwischen den Treffen fließen diese Erfahrungen direkt in den Arbeitsalltag zurück – beim nächsten Austausch werden sie wieder aufgegriffen. So entsteht ein lernorientierter Rhythmus, der sich eng an der Realität der Key User orientiert.
Zur Orientierung innerhalb dieser Treffen dient eine relationale Landkarte nach Ken Wilber, die vier miteinander verbundene Perspektiven unterscheidet (vgl. Abbildung 1). Dieses Modell, bekannt als VierQuadrantenModell, zeigt auf einen Blick, dass menschliches Handeln immer durch ein Zusammenspiel individueller und kollektiver, innerer und äußerer Faktoren geprägt ist. Genau diese Perspektiven sind für den Projektalltag von Key Usern besonders relevant.
Die Abbildung macht sichtbar:
- Die obere Hälfte beschreibt das Individuum – innen (Mindset) und außen (Kompetenzen).
- Die untere Hälfte beschreibt das Kollektiv – innen (Kultur) und außen (Struktur).
- Die linke Seite steht für das Innere (unsichtbare Dimensionen wie Haltung, Erwartungen, Dynamiken).
- Die rechte Seite steht für das Äußere (sichtbare Verhaltensweisen und organisatorische Rahmen).
Auf dieser Grundlage lassen sich die vier Felder wie folgt beschreiben:
- Beziehung zu sich selbst (Mindset)
Aufmerksamkeit, Selbstwahrnehmung und Selbstführung – besonders in Momenten von Zeitdruck oder Unsicherheit. - Interaktion und Verhalten (Competence)
Kommunikation, Feedback und situatives Handeln und Führung im Kontakt mit anderen. - Zusammenarbeit und Lernkultur (Culture)
Teamklima, Vertrauen, implizite Erwartungen und die Art und Weise, wie gemeinsames Lernen und Abstimmung im Projekt stattfinden. - Struktur und Rahmenbedingungen (Structure)
Prozesse, Rollen, Entscheidungswege und organisatorische Vorgaben, die den Handlungsspielraum im Projekt prägen.
Gemeinsam bilden diese vier Felder eine Orientierungslandkarte, die hilft, komplexe Projektsituationen zu verstehen und unterschiedliche Einflussfaktoren sichtbar zu machen. In den regelmäßigen Treffen werden je nach Bedarf einzelne oder mehrere dieser Perspektiven vertieft, sodass Key User Herausforderungen breiter einordnen und passende Handlungsoptionen entwickeln können.
Methodenvielfalt für Handlungsfähigkeit im Moment
Ein zentraler Bestandteil des relationalen Enablements sind zudem arbeitsnahe, unmittelbar einsetzbare Methoden und Werkzeuge, die konsequent auf den Projektalltag von Key Usern ausgerichtet sind. Das relationale Enablement stellt hierfür ein Action-Set bereit, das Lernen nicht aus der Arbeit herauslöst, sondern gezielt in laufende Arbeitsprozesse integriert.
Diese Methoden sind konsistent mit dem zugrunde liegenden Theorie-Set des Relationalen Lernens. Sie zielen darauf ab, Wahrnehmung, Reflexion und Handlungsfähigkeit im Moment zu unterstützen – nicht durch zusätzliche Inhalte, sondern durch kurze, klare Interventionen im Arbeitsalltag. Lernen entsteht so im Handeln selbst und nicht erst im Nachgang.
Charakteristisch für das Action-Set ist der geringe Zeit- und Vorbereitungsaufwand. Die Methoden lassen sich spontan einsetzen, benötigen kaum Material und können in bestehende Formate wie Abstimmungen, Übergaben, Reviews oder Klärungsgespräche eingebettet werden. Sie unterbrechen den Arbeitsfluss nicht, sondern strukturieren ihn gezielt.
Gleichzeitig bietet das Action-Set eine Vielfalt an Methoden, die auf unterschiedliche Situationen zugeschnitten sind – etwa zur Rollenklärung, zur Reflexion von Entscheidungen, zur Gestaltung von Interaktionen oder zum Umgang mit Unsicherheit und Abweichungen. Key User erhalten damit ein flexibles Instrumentarium, aus dem sie situativ wählen können, je nach Kontext, Beteiligten und aktueller Herausforderung.
So wird Enablement im Alltag praktisch erfahrbar. Die Methoden unterstützen Key User dabei, Lernmomente wahrzunehmen, Erfahrungen zu verdichten und konkrete nächste Schritte abzuleiten – jederzeit, ohne zusätzlichen Termin und ohne formales Lernsetting. Lernen bleibt damit eng an die Arbeit gekoppelt und wird zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Projektalltags.
Exemplarisch wollen wir einmal mit Chunk & Check Kommunikation und dem Trust Journaling zwei bewährte Methoden genauer betrachten:
Methode 1: Chunk & Check Kommunikation
Was ist Chunk & Check Kommunikation
Unter Zeitdruck, bei komplexen Inhalten oder in Stresssituationen sinkt die Aufnahmefähigkeit. Gerade im Projektalltag werden Kolleg:innen oft mit zu vielen Informationen auf einmal konfrontiert. Chunk & Check hilft, Lernen im Moment zu ermöglichen.
Chunk & Check ist eine einfache Kommunikations- und Enablement-Technik: Informationen werden in kleine, überschaubare Einheiten (Chunks) aufgeteilt. Nach jedem Chunk wird kurz überprüft, ob das Verständnis da ist (Check) – bevor es weitergeht. Verhindert Informationsüberflutung und reduziert Rückfragen und Fehlanwendungen
So wenden Sie die Methode im Alltag an:
Einen klar abgegrenzten Schritt oder Gedanken erklären. Pause: Kurz stoppen. Check: Rückfragen („Was ist dir daran klar?“ / „Was würdest du jetzt tun?“). Weitergehen: Erst dann den nächsten Schritt erklären.
Beispiel aus dem SAP-Alltag:
Statt einen kompletten neuen Prozess zu erklären: Zuerst nur: „Was ändert sich für dich im ersten Schritt?“
Check: „Was würdest du jetzt konkret im System tun?“
Dann erst: „Was passiert danach?“
Methode 2: Trust Journaling
Was ist Trust Journaling?
Trust Journaling ist eine schriftliche Reflexion über Vertrauen in Ihren beruflichen Beziehungen. Sie analysieren Situationen, in denen Vertrauen aufgebaut oder geschwächt wurde, um Ihre Wahrnehmung zu schärfen und Vertrauensstrategien zu entwickeln.
Warum Trust Journaling für Key-User wichtig ist:
Vertrauen beeinflusst maßgeblich Ihre Effektivität:
- Bereitschaft zur Kooperation: Kollegen öffnen sich Ihnen und nehmen Vorschläge an.
- Akzeptanz von Neuerungen: Ihre Empfehlungen finden mehr Gehör.
- Offenheit für Feedback: Ermöglicht ehrlichen Austausch und konstruktive Kritik.
- Effiziente Problemlösung: Herausforderungen werden offener kommuniziert und schneller gelöst.
So wenden Sie die Methode im Alltag an:
Nehmen Sie sich regelmäßig (z.B. wöchentlich) ein paar Minuten Zeit, um folgende Fragen schriftlich zu reflektieren:
- Die Situation: Beschreiben Sie kurz eine Interaktion oder ein Ereignis. Wer war beteiligt?
- Vertrauensentwicklung: Wo wurde Vertrauen gestärkt? Was war das konkrete Verhalten? Wo wurde Vertrauen geschwächt? Was war der Auslöser?
- Ihr Lernimpuls: Was lernen Sie daraus für Ihr zukünftiges Verhalten, um Vertrauen aufzubauen oder nicht zu schwächen?
Praktische Umsetzung:
Führen Sie ein Notizbuch oder eine digitale Datei. Die Regelmäßigkeit der Reflexion hilft Ihnen, Muster zu erkennen und bewusst an Ihrem Vertrauenskapital zu arbeiten.
Wirtschaftliche Vorteile des relationalen Key User Enablements
Relationales Key User Enablement hat nicht nur einen fachlichen und persönlichen Nutzen, sondern auch einen klar erkennbaren wirtschaftlichen Mehrwert für Projekte und Organisationen. Da Lernmomente direkt im Arbeitsalltag aufgegriffen und strukturiert verarbeitet werden, verringern sich Reibungspunkte, Missverständnisse und wiederkehrende Abstimmungsprobleme. Das reduziert Fehlerquoten, Doppelarbeit und unnötige Klärungsschleifen – Faktoren, die im Projektumfeld häufig erheblichen Zeit- und Kostenaufwand verursachen.
Weil Herausforderungen früher erkannt und Unsicherheiten schneller geklärt werden, sinkt zudem die Belastung im operativen Support: weniger Rückfragen, weniger Tickets, weniger Eskalationen. Gleichzeitig gewinnen Key User an Entscheidungssicherheit, was Verzögerungen im Projekt reduziert und die Stabilität in kritischen Phasen erhöht. Davon profitiert nicht nur die operative Umsetzung, sondern auch die Gesamtprojektdauer.
Durch die engere Verzahnung von Arbeiten und Lernen wird außerdem der Wirkungsgrad bestehender Trainings- und Change-Maßnahmen erhöht. Inhalte versanden weniger, Transferverluste werden reduziert und vorhandenes Wissen wird nachhaltiger verankert. Das führt zu einer besseren Nutzung investierter Schulungsressourcen und verhindert teure Wiederholungen.
Langfristig stärkt relationales Enablement die Resilienz der beteiligten Teams. Überlastung, Ausfälle oder Wissensverlust durch Fluktuation treten seltener auf, weil Key User in der Lage sind, auch unter komplexen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben. Damit trägt das Vorgehen dazu bei, Veränderungsprozesse schneller zu stabilisieren und Ressourcen effizienter einzusetzen – ein ökonomischer Vorteil, der sich sowohl im Projekt als auch im späteren Betrieb bemerkbar macht.
