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Blended Learning reloaded – ein Klassiker erfindet sich neu

Blended Learning als Kombination von Präsenz- und Online-Lernen – diese Sichtweise ist noch immer gängige Praxis. Dabei ist die primäre Differenzierung zwischen analog und digital schon längst von der Realität überholt. Erst recht, da sich schon seit geraumer Zeit abzeichnet: Das Konzept bleibt angesichts der Fülle an neuen Lernformaten weit hinter den Möglichkeiten zurück – etwa in Bezug auf die Wirksamkeit oder den Lerntransfer.
19. Januar 2024
7 min
Johannes Starke, Product Manager Learning & E-Learning Expert, tts GmbH Johannes Starke

Blended Learning hat sich in den Lernwelten der Unternehmen längst als Klassiker etabliert. In schöner Regelmäßigkeit rangiert die Lernform an der Spitze einschlägiger Studien zur Bedeutung von betrieblichen Weiterbildungsangeboten. Das liegt auch und vor allem daran, dass das Konzept so flexibel ist. Im Kern steht lediglich die Kombination von Präsenz- und Online-Phasen des Lernens. 

Blended Learning: Klassische Definition

Als Blended Learning (auch integriertes Lernen oder hybrides Lernen) bezeichnet man nach geläufiger Definition die Verknüpfung von traditionellen Lernformen (z. B. Präsenzveranstaltungen) mit digitalen Lernformen. Gängige Praxis ist, ein Präsenzseminar durch E-Learning-Module zu ergänzen – entweder vor bzw. nach oder synchron zum Präsenzunterricht. Ein weit verbreitetes Blended-Learning-Modell ist der „Flipped Classroom“: Hierbei dient ein vorgezogenes E-Learning-Modul zum Vermitteln des theoretischen Wissens oder zum Schaffen einer einheitlichen Wissensbasis aller Lernenden. Die anschließende Präsenzphase wird zum Training, Diskutieren oder Reflektieren des Gelernten genutzt.  

Unternehmen können mithilfe von Blended-Learning-Kursen unter anderem die Präsenzphase verkürzen. Zudem lässt sich das Lernen flexibler und bedarfsgerechter gestalten und in den Arbeitsprozess integrieren. Die Lernenden wiederum können dank der Online-Module frei wählen, wann, wo und in welchem Tempo sie sich weiterbilden.  

Präsenz vs. digital ist überholt

Das herkömmliche Blended-Learning-Konzept ist inzwischen jedoch von der Realität eingeholt, wenn nicht gar überholt worden. So hat die Corona-Pandemie gezeigt: Auch Face-to-Face-Lernen funktioniert mittlerweile digital im virtuellen Klassenzimmer. Blended Learning kann sogar komplett online funktionieren. Der Gegensatz analog vs. digital taugt daher nicht mehr als Richtschnur.  

Angetrieben durch die technologische Entwicklung, sind darüber hinaus stetig mehr Inhalte und Formate online gegangen und neue digitale Medien hinzugekommen. Mit der Folge, dass in der Praxis immer mehr Lernformen miteinander vermischt werden, sodass Blended Learning inzwischen alles und nichts umfassen kann.  

Die Erkenntnis daraus: Die Wirksamkeit des Blended-Learning-Konzepts basiert nicht auf der Kombination von Präsenz- und E-Learning. Vielmehr ist es der Mix an sich, also die Art und Weise, wie die verschiedenen Lernmethoden didaktisch ineinandergreifen, der darüber bestimmt, ob die Lernziele erreicht werden. Daher ist die Zeit reif, den Blended-Learning-Ansatz neu zu justieren. 

Blended Learning neu justiert

Erfolgreiches Blended Learning, wie wir es verstehen, bewegt sich nicht länger zwischen den Polen analog bzw. digital (bimodal), sondern in einer offenen Vielfalt (multimodal). Dadurch eröffnen sich neue Chancen, die Lernziele für jede:n einzelne:n Mitarbeiter:in und damit auch die Unternehmensziele passgenauer und effektiver zu erreichen. Denn statt nur zwei Parametern steht jetzt eine ganze Bandbreite zur Wahl, individuell vs. sozial etwa, vorgelagert vs. on the job, Kurse vs. Nuggets, ortsunabhängig vs. ortsabhängig. Mithilfe dieser Parameter lassen sich „Blended“-Lernszenarien weitaus präziser entsprechend der Lernziele und Lernbedarfe der einzelnen Mitarbeitenden didaktisch sinnvoll arrangieren. Und das ist auch dringend nötig.  

So steigen nicht nur die Anforderungen seitens der Unternehmen an die Effektivität von Trainings und den zeitnahen Aufbau von Kompetenzen. Auch die Ansprüche der Mitarbeitenden an die Lernerfahrung sind infolge der Digitalisierung deutlich gewachsen. Aus dem Alltag sind die Mitarbeitenden eine breit gefächerte User Experience gewohnt – etwa von Shoppingplattformen oder Streaming-Diensten –, die weit über bisherige E-Learnings hinausgeht. Daher erwarten sie, dass auch das digitale Lernen Tools und Methoden nutzt, die ihre persönlichen Bedürfnisse berücksichtigen. 

Blended Learning reloaded: Vergleich klassisch vs. multimodal

Blended Learning reloaded: Vergleich klassisch vs. multimodal

Warum multimodales Blended Learning?

Multimodales Blended Learning ist konsequent aus Sicht der Lernenden konzipiert. Es berücksichtigt die persönlichen Lernbedarfe und das individuelle Arbeitsumfeld, denn wir wissen: In der Praxis werden Lernziele oftmals nicht erreicht, weil die Lernangebote an den Arbeitsrealitäten der Mitarbeitenden vorbeigehen. Mit der Konsequenz, dass sie die Schulungen als langweilig empfinden oder frustriert sind, da sie das Erlernte nicht direkt anwenden können. Ein gutes Blended-Learning-Konzept kombiniert daher die Lerninhalte und Methoden auch mit dem Ziel, eine positive Learning Experience zu ermöglichen.  

Anhand von Personas, also sehr präzise beschriebenen Beispiel-Lernenden, werden die Anforderungen definiert, z. B.: Welche Aufgaben haben die Mitarbeitenden? Welche Vorbehalte und Sorgen treiben sie um? Was brauchen sie, um ihre Arbeit zu erledigen? Wie sieht ihr Arbeitsalltag aus? Wie tauschen sie sich untereinander aus, und wie unterstützen sie sich gegenseitig? Die Antworten aus all diesen Fragen fließen in das Blended-Learning-Konzept ein.  

Ausgangspunkt für das jeweilige Blended-Learning-Konzept ist die Geschäftsstrategie. Die darin verankerten Ziele und die Schritte, die unternommen werden müssen, um sie zu erreichen, bestimmen die Lernziele und damit den Inhalt und die Methoden des Blended-Learning-Konzepts. Die Lernziele können unterschiedliche Ebenen adressieren: individuelle Mitarbeitende, Teams, die gesamte Organisation, Kund:innen, Geschäftspartner:innen oder weitere externe Stakeholder:innen. All diese Faktoren bilden die Basis für die Auswahl der einzelnen Lernmethoden und Schulungsmaßnahmen.  

Vorteile von multimodalen Lernkonzepten

  • Das Blended-Learning-Konzept lässt sich exakter an den Unternehmens- und Lernzielen ausrichten. Das Lernen wird effektiver. 
  • Inhalte, Blended-Learning-Methoden und -Medien lassen sich stärker an individuelle Faktoren wie Vorwissen, Vorlieben und das Arbeitsumfeld anpassen. Das Lernen wird bedarfsorientierter.  
  • Die verschiedene Bedarfsmomente des Lernens –Vermittlung von Wissen, Vertiefung von Verständnis und Anwendung in der Praxis – lassen sich besser integrieren. Das Lernen erhält Kontinuität. 
  • Das Lernen kann vielfältiger gestaltet werden, ggf. ist auch ortsunabhängiges Lernen möglich. So können Potenziale ausgeschöpft werden, die bisher nicht genutzt wurden, z. B. durch das Fördern von informellem Lernen in Social Learning Communities, das Kuratieren, das Teilen von Inhalten durch Kolleg:innen und das Sichtbarmachen interner Expert:innen. Das Lernen wird als wirksamer erfahren. 
  • Lerninhalte, die relevant für das Arbeitsumfeld sind und somit direkt angewendet werden können, lassen sich gezielter bereitstellen als mit herkömmlichen E-Learning-Systemen. Der Lern- und Praxistransfer verbessert sich. 

Die vier Kennzeichen von multimodalem Blended Learning

Multimodales Blended Learning hat zum Ziel, die Nachhaltigkeit und Wirksamkeit der Weiterbildung im Einklang mit der Unternehmensstrategie zu erhöhen. Kennzeichnend für diesen personalisierten und ganzheitlichen Ansatz sind folgende Faktoren:  

  1. Fokus auf umfassenden Lernprozess:
    Lernen wird nicht länger als singuläres Training verstanden, sondern als fortlaufender Prozess. Multimodale Konzepte gehen somit weit über den initialen Aufbau von Kompetenzen hinaus. Das passiert in Form einer Learner Journey. Diese beschreibt den Weg der Lernenden durch die verschiedenen Phasen des Lernprozesses hin zur gewünschten Verhaltensänderung. 
  2. Durchdachte Wahl der Lernformate und -methoden: 
    Jede Phase des Lernprozesses besteht aus didaktisch sinnvoll verzahnten Bausteinen. Bei der Auswahl der Formate für die verschiedenen Lernaktivitäten helfen die oben genannten Parameter. Zusätzlich werden Faktoren berücksichtigt wie: Welche Erwartungen und Erfahrungen haben die Lernenden? Unterstützen die technischen und die unternehmenskulturellen Rahmenbedingungen eine erfolgreiche Umsetzung?  
  3. Möglichkeit, den Lernprozess in die eigene Hand zu nehmen: 
    Den Lernenden wird ermöglicht, das Lernen an ihre eigenen Bedarfe und Kontexte anzupassen (z. B. durch Wahlmöglichkeiten zwischen Blended-Learning-Formaten). Sie können selbst entscheiden, auf welchem Weg sie die gesetzten Ziele erreichen möchten und was sie dazu brauchen. Bei der Navigation werden sie durch Einstiegspunkte unterstützt, von denen ausgehend sie die Lernaktivitäten selbst steuern können. 
  4. Nahtlose Integration in den Arbeitskontext: 
    Die Integration des Lernens in den Arbeitskontext wird konzeptionell mitgedacht. Der Aufbau der Kompetenzen findet idealerweise während des Arbeitsprozesses statt. Da die Lernenden dabei unterstützt werden, die anstehenden Aufgaben zu bewältigen, erhöht sich der Lerntransfer sowie die Akzeptanz (Stichwort Selbstwirksamkeit). Zur technischen Ausstattung zählen deshalb Digital Adoption Platforms, die direkt in der Anwendung im „Moment of Need“ die passende Hilfe anbieten.  

Vergleich klassisches vs. multimodales Blended Learning

Ein Grundgedanke des Blended-Learning-Konzepts ist: Weder ein reines Präsenztraining noch E-Learning allein erfüllen die Ansprüche an eine zeitgemäße Weiterbildung. Der Mix („blend“) soll das Beste aus der analogen und der digitalen Lernwelt destillieren: die persönliche Interaktion von Face-to-Face-Elementen mit der Flexibilität eines E-Learnings. Multimodales Blended Learning erweitert dieses didaktische Konzept, indem es die „Trümpfe“ verschiedener Methoden und Lernformen ohne Einschränkung nutzt. Daraus ergeben sich deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Ansätzen:  

Klassisch 

Multimodal 

Analog vs. digital 

Offene Vielfalt 

Content zentriert 

Lernenden zentriert 

Singuläres Lernereignis 

Lernprozess/Learner Journey 

Situativer/Ad-hoc-Ansatz 

Holistischer Ansatz 

Begrenzter Zeitraum 

Kontinuierliches Lernen 

Vorgegebene Lernpfade zum Ziel 

Individuelle Lernpfade zum Ziel 

Arbeitskontext optional 

Einbettung in Arbeitskontext 

Fazit: Wissen der Mitarbeitenden fördern durch individuelle Learner Journeys

Der Klassiker Blended Learning stößt in seiner traditionellen Form, als Kombination aus Präsenz- und E-Learning, an Grenzen hinsichtlich Zielgenauigkeit und Effektivität. Auch in Bezug auf die Learning Experience ist das Konzept nicht mehr zeitgemäß. Daher stellt sich die Frage: Sollte sich die Konzeption des Wissensaufbaus weiterhin zwischen den Polen Präsenzunterricht und Online-Phase bewegen? Oder sollte es nicht vielmehr darum gehen, alle Methoden und Möglichkeiten für den Lernmix zu nutzen, um so die Zufriedenheit sowie die Fähigkeiten und das Wissen der Mitarbeitenden entsprechend der Geschäftsstrategie zu fördern? Multimodales Blended Learning verschiebt daher den Fokus auf eine personalisierte und wirkungszentrierte Learner Journey. 

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